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Zum Konzert am 21.05.2018

Abschlusskonzert des 14. Workshops Gesang / 2018

Autorin: Christine Diegelmann / Fotos: G. Jäger

Viel Liebe und schöne Melodien
Sechs Komponisten in drei Sprachen

Das Rat- und Bürgerhaus war gut gefüllt - aus gutem Grund. Seit 15 Jahren kann ein interessiertes Publikum am frühen Abend des Pfingstmontags ein Gesangskonzert genießen, in dem geschulte Laien- sowie halbprofessionelle SängerInnen ausgewählte Lieder und Arien vortragen. Diese Interpretationen werden jeweils am Pfingstwochenende in einem Workshop unter der Leitung von Dietmar Vollmert und Britta Jacobus bühnenreif einstudiert.

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In diesem Jahr lautete der Titel: „4 Länder, 3 Sprachen“. Längst schätzt man in Kriftel die lockere Atmosphäre sowie die fröhliche Umsetzung von Musikstücken. Deren Kontext wird eingangs erläutert und oft begleitend zum Gesang mit Kostümen, Requisiten und darstellendem Spiel nachvollziehbar gemacht. Die humorvollen Inszenierungen, zusammen mit der großen Spielfreude vieler Protagonisten, lassen stets auf eine vergnügliche Veranstaltung hoffen. Diesmal jedoch wurden alle Erwartungen übertroffen!

Den Anfang machten zwei Workshop-Neulinge mit Mendelssohn Bartholdy. Cordula Weiß sang „Sei stille dem Herrn“ aus dem „Elias“ und Kristel Neitsov-Mauers kräftiger Sopran intonierte „Jerusalem“ aus dem „Paulus“. Der dritte Beitrag dieses Komponisten kam von der erst 16-jährigen Ellen Geisel mit der Heinrich-Heine-Vertonung „Auf Flügeln des Gesanges“. Diese eingängigen, wie schönen Melodien, wurden sicher und sauber vorgetragen.

Im Programm standen ebenfalls drei Stücke von Gaetano Donizetti. Zwei davon hatte sich der eigens aus Graz angereiste Silvester Tagger ausgesucht. Seine 70 Lebensjahre hörte man ihm überhaupt nicht an - im Gegenteil! Seine professionell klingende, weiche Tenorstimme machte „Una furtiva lagrima“ aus „Der Liebestrank“ und das sehnsuchtsvolle „Spirto Gentil“ aus „La Favorita“ zu Höhepunkten dieser Veranstaltung.

Bestens gestimmte Darstellung

Das fast durchgängig zweistimmige Liebesduett „Tornami a dir che m’ami“ aus der Oper „Don Pasquale“ meisterten Britta Stegmann und Klaus Gallenbacher in gewohnt hoher sängerischer sowie darstellerischer Qualität. Ein zweites Duett, „Ich armes Mädchen“ aus Lortzings „Wildschütz“, hatten sich Sonja Außner und Carsten Vollmert vorgenommen. In Kostümen spielten sie Baculus‘ und Gretchens Streit auf hinreißend charmante Art und bewegten ihre Zuhörer gleichzeitig mit wunderbaren Stimmen. Duette bereiten Publikum und SängerInnen bei diesen Konzerten immer besonders viel Freude, da speziell sie Raum für kleine Spielszenen bieten. Die Absolventen des Workshops allerdings unterstützen sich regelmäßig auch bei einzeln gesungenen Arien gegenseitig als Statisten. So geschehen bei Sonja Beckmanns Interpretation von Manons Arie „Obéissons“ aus der Oper „Manon“ von Jules Massenet. Drei Herren umschwirrten die leichtbekleidete Sängerin und ……ja, betatschten sie sogar. Ganz offensichtlich hatten alle Beteiligten einen diebischen Spaß an ihren Rollen. Wie auch das Publikum, dessen begeisterter Applaus natürlich vorrangig dem ausgezeichnetem Gesang der Sopranistin galt. Das zweite Stück des Komponisten, „Il est doux, il est bon“ aus der Oper „Hérodiade“ interpretierte Britta Stegmann neuzeitlich und ganz am Puls des aktuellen Tagesgeschehens. Zunächst wurde eine Eintracht-Frankfurt-Fahne auf die Bühne gebracht, Britta Stegmann schlenderte im Teeny-Outfit mit Minirock und Zöpfen hinterher. Als hinter der Fahne ein lebensgroßes Konterfei des Bürgermeisters mit Krone auf dem Kopf zum Vorschein kam, hatte die Heiterkeit im Saal ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nun begann die Sängerin, das Bildnis schmachtend anzusingen. (Großes Gelächter.) Dass sich der echte Christian Seitz irgendwann hinter sie auf die Bühne gestellt hatte, und das im Vereins-Trikot, bemerkte die Sopranistin vorerst (scheinbar) nicht. Als sie ihn erblickte, wendete sie ihre Bewunderung verzückt dem Original zu und fiel zum Abschluss der Arie unter lautstarker Begeisterung der Zuschauer anbetend vor ihm auf die Knie. Dass bei solcher Schauspielerei der Gesang nicht leidet, wird vermutlich Inhalt des Workshops sein. Und das klappt bei der halb-professionellen Sängerriege ausnahmslos und fehlerfrei.

Viele Highlights

Ein weiteres Highlight war Frauke Link mit ihrer fast schon traumhaften Sopranstimme. Diese ließ sie bei der Arie „Sombre foret“ aus Rossinis „Wilhelm Tell“ mit leichtem Vibrato schweben und brillierte später bei den anspruchsvollen, in große Höhe gehenden Koloraturen als Mozarts Königin der Nacht nicht minder. Sonja Außner sorgte bei ihrem Vortrag nicht nur durch perfekt vorgetragene Rezitative zu Beginn ihrer Arie für Bewunderung. Sie verkörperte die Susanna aus „Figaros Hochzeit“ von Mozart mit einem ruhigen und wunderschönen „Deh vieni non trardar“ sehr bewegend. Das hübsche kleine Lied „Voi che sapete“ aus der selben Oper wurde von Antonia Binder als Cherubino mit wohlklingendem Mezzosopran intoniert. Der Humor kam hierbei in Form optischer Unterstützung durch „Susanna“ und „Rosina“ ebenfalls nicht zu kurz. Der Vorgeschichte zur „Hochzeit des Figaro“, dem „Barbier von Sevilla“, ist die bekannte Arie „Largo al factotum“ entnommen, bei der Carsten Vollmert als Figaro seinen Kunden Silvester Tagger auf der Bühne einseifte, um dann mehr zu singen, als zu rasieren. Die sehr schnell zu singenden Worte eines gestressten Friseurs („Figaro qua, Figaro là, Figaro su, Figaro giù“) stellten sicher eine Herausforderung selbst für den geübten Sänger dar. Carsten Vollmert verstand es, sein Publikum nebenbei noch zum Schmunzeln zu bringen. Klaus Gallenbacher zeigte sein Können als Don Ottavio mit der Arie „Il mio tesoro“ aus „Don Giovanni“ mit bestens gelungenen Koloraturen und langgezogenen Tönen. Seine lyrische Tenorstimme ist dem Krifteler Publikum bereits sehr vertraut. Ebenso der Oper „Don Giovanni“ war die Arie „Batti, batti“ entnommen, die von Yuki Bauernschmitt mit klarem Sopran gesungen wurde. Ihre Darstellung der Zerlina und die eines verletzten Statisten-Masetto waren ebenfalls sehr gelungen.

Eine nicht minder schöne Melodie entstammt der „Entführung aus dem Serail“, die von Ellen Geisel interpretiert wurde. Zum flott gesungenen „Welche Wonne, welche Lust“ lief sie als „Blondchen“ mit einer Schriftrolle durch den Zuschauerraum bis hin zur Pianistin, um allen die gute Nachricht über die Befreiung ihrer Herrin „Konstanze“ zu zeigen.

Die Pianistin, das war auch diesmal wieder Friederike Wiesner, die sich mit Norbert Henß am Flügel abwechselte. Die beiden Musiker saßen wie immer am Rand der Bühne, dabei hatten sie doch, durch ihren ständigen Einsatz, die meiste Arbeit. Ihre professionelle und sehr individuelle Begleitung der semi-professionellen Sängerinnen und Sänger trug maßgeblich zum Gelingen einer außergewöhnlich schönen Veranstaltung bei.

Vollmerts letzter Workshop

Dieses Abschlusskonzert war in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes: Zum einen durch eine herausragende sängerische und darstellerische Leistung. Zum anderen aber auch dadurch, dass es Dietmar Vollmerts letzter Workshop war. Er übergibt das von ihm vor 15 Jahren geschaffene „Baby“ vertrauensvoll in die Hände von Hans-Georg Dechange, dem langjährigen Leiter von Akademie und Kammerchor an der Musikschule Hofheim sowie Vorstandsmitglied der Mendelssohn-Gesellschaft Main-Taunus. Der „Neue“ saß schon im Publikum und wurde den Kriftelern bei dieser Gelegenheit gleich vorgestellt. Er wird künftig gemeinsam mit Britta Jacobus den Pfingst-Workshop leiten. Mit Vollmerts Abschied war auch einiges an Emotionalität verbunden, denn einige der Teilnehmer kommen Jahr für Jahr nach Kriftel. Mit lobenden Worten und Geschenken dankten sie ihrem Mentor für all die wunderbaren Jahre - ebenso wie der starken Frau an seiner Seite. Das bezog auch Bürgermeister Seitz in seine abschließende Rede mit ein und äußerte seine Freude darüber, dass der Pfingst-Workshop künftig in gleicher Qualität weitergeführt werden wird.

Als Zugabe versammelten sich alle Teilnehmer und Verantwortliche noch einmal auf der Bühne und sangen unter der Begleitung von Friederike Wiesner am Flügel und dem Dirigat von Norbert Henß das Chorstück „Dal tuo stellato soglio“ aus Rossinis Oper „Mosè in Egitto“. Dieses innige Gebet Moses und der Israeliten füllte den Raum mit einem satten, vollen Klang, wobei die geschulten, aber doch zurückgenommenen Stimmen für ein echtes Gänsehautgefühl - und sicher so manchen Ohrwurm auf dem Heimweg sorgten!

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